Die spanische Weihnachtslotterie „El Gordo“

Die spanische Weihnachtslotterie „El Gordo“

„Der Dicke“ – so die deutsche Übersetzung für „El Gordo“ – ist der Hauptpreis der spanischen Weihnachtslotterie. Diese Ausspielung ist auf der Iberischen Halbinsel sowie auf den Gestaden im Mittelmeer und im Atlantik tief verwurzelt im Bewusstsein der Menschen in diesem Land.

Immerhin fand die erste Ziehung bereits am 18. Dezember 1812 statt. Zu diesem Zeitpunkt noch in der Provinz in Cadiz, weil der Spanische Unabhängigkeitskrieg mit den Truppen Napoleon Bonapartes dies so erforderte. Heute schauen Millionen Spanier – und nicht nur sie – am Morgen des 22. Dezembers via Fernsehen nach Madrid, wo die Ziehung der Loteria Nacional stundenlang über die Bühne geht.

Die 2,4 Milliarden Euro im Topf

Für manche ist dies ein vorweihnachtlicher großer Spaß, und für alle ist diese spannende Ausspielung verbunden mit der Vision vom großen Glück. Immerhin werden an diesem Tag in einem Studio der spanischen Hauptstadt rund 2,4 Milliarden Euro ausgeschüttet. Und es entspricht dem Geist der Loteria Nacional, dass Fortuna mit ihrem Füllhorn möglichst viele „Glücksritter“ beschenkt. Kein Lotterie-Spektakel auf unserem Globus lockt die Teilnehmer mit einer derart großen Wahrscheinlichkeit, einen kleinen oder einen sehr großen Geldbetrag zu erwischen.

Ein paar nackte Zahlen geben Aufschluss darüber, wie hoch die Gewinnchance bei der spanischen Weihnachtslotterie ist. Für den Hauptgewinn, dem „El Gordo“, liegt die Chance bei eins zu hunderttausend. Dabei muss man wissen, dass beispielsweise die Hoffnung, im Eurojackpot eines Tages das große Los zu ziehen, bei eins zu 95 Millionen liegt. Und wer im Lotto spielt, wird erfahren haben, dass bei „6 aus 49“ nur jener mit dem Hauptgewinn beschert wird, der das Glück hat, bei einer Aussicht von eins zu 140 Millionen die richtigen Zahlen angekreuzt zu haben.

„El Gordo“-Gewinn: Vier Millionen

Genau hunderttausend Nummern werden bei der Weihnachtslotterie in Spanien ausgespielt. Die außergewöhnliche Variante dieses Spektakels: Jede dieser Losnummern wird 170 Mal an den Kiosken und Wettbüros im ganzen Lande in den Wochen vor den Festtagen an den Mann oder an die Frau gebracht. Zwar kann auch ein Voll-Los erworben werden, doch das kostet derzeit um die fünfhundert Euro und wird relativ selten verkauft. Es sei denn, dass Familien, Freunde oder gar ein ganzes Dorf zusammen legen und auf das große Glück beim „El Gordo“ hoffen. Die meisten Spanier begnügen sich jedoch damit, ein halbes Los oder auch nur einen Fünftel-, Zehntel-, Zwanzigstel-, Fünfzigstel- oder Hundertstel-Anteil zu erwerben.

Alle Spieler vereint jedoch die Hoffnung auf den großen Reichtum, und dieser Verlockung widersteht kaum ein Spanier. Dies alles ist viel mehr als nur ein Spiel, und die Lotterie zur Weihnachtszeit wird von den Menschen auf der Iberischen Halbinsel wahrgenommen als Traum, an einem Morgen vor Weihnachten sehr reich beschenkt zu werden. Schließlich beläuft sich der Hauptpreis auf runde vier Millionen Euro. In der jüngeren Vergangenheit konnten Lose allein in Spanien erworben werden, doch im Zeitalter der globalen Digitalisierung ist es nun auch möglich, El Gordo online zu spielen.

Werbung mit Montserrat Caballé

Der Verkaufs-Rekord der Spanischen Weihnachtslotterie datiert aus dem Jahr 2008. Damals wurden Lose im Gesamtwert von 2,75 Milliarden Euro abgesetzt. In der Folgezeit wurde eine solche Summe nicht mehr erreicht, was vor allem der Wirtschaftskrise im Lande geschuldet ist. Immerhin beträgt das gesamte Volumen der Weihnachts-Ausspielung dem Wert eines Viertels aller Jahres-Erlöse der Loterias y Apuestas del Estado. Teilnahmeberechtigt ist jeder Spanier, der das 18. Lebensjahr vollendet hat. Die meisten sind dann Mitglieder einer Tippgemeinschaft. Die Menschen im Lande investierten in der jüngeren Vergangenheit pro Kopf rund 60 Euro für Lose in dieser populären Weihnachts-Lotterie. Und jeder von ihnen verknüpfte beim Kauf der Anteile seine Hoffnung auf einen der 15.000 Gewinne.

Bei den Tipp-Gemeinschaften innerhalb eines Vereins ist es üblich, dass ein geringer Aufschlag erhoben wird, der dann in die Vereinskasse fließt. Aber auch in Restaurants und Gaststätten ist es die Norm, die Gäste aufzufordern, sich Anteile an jenen Losen zu sichern, die der Wirt für seine Kunden erworben hat. Auf den diversen Kanälen der Fernsehgesellschaften flimmern die Werbespots der Lotterie bereits ab Anfang November über die Bildschirme. Die Musik-Videos werden häufig unter der Beteiligung durch internationale Künstler produziert. In der Vergangenheit wurde dazu unter anderem die weltberühmte und mittlerweile verstorbene Sopranistin Montserrat Caballé gewonnen.

Schulkinder singen die Zahlen

Dreieinhalb Stunden werden die Menschen in Spanien auf die Folter gespannt, wenn das Fernsehen des Landes die Ausspielung überträgt. Wohl kaum ein anderes Ereignis findet dann eine derart hohe Einschaltquote wie das Procedere des Finales der jährlichen Weihnachtslotterie am 22. Dezember. Hölzerne Kugeln aus zwei Lostöpfen spielen dabei eine große Rolle. In der einen befinden sich die Nummer, in der anderen die jeweilige Gewinnstufe. Zwei Schüler singen die auf der Kugel abgebildete Nummer und den Betrag des Gewinns. Die jungen Leute, die so etwas wie die Boten und Verkünder der Glücksgöttin sind, stammen traditionell aus einer Schule in Madrid. Das Colegio San Ildefonso gibt es in der Metropole seit vierhundert Jahren. Hier wurden früher die Waisen von spanischen Beamten ausgebildet. Für den Gesang beim „El Gordo“ werden nur jene Schüler ausgewählt, die über eine klare Stimme verfügen.

Auch in den Parks des Landes und an zahlreichen öffentlichen Gebäuden werden zur Auslosung der Lotterie Bildschirme und Videowände aufgebaut. Jeder Spanier soll die Gelegenheit erhalten, dabei zu sein, wenn das große Glück in Form von Geldbeträgen verteilt wird. Trotz der intensiven Spannung wird dies alles von den meisten als ein unterhaltsames Ereignis betrachtet und als Teil der Vorfreude auf die weihnachtlichen Festtage. Aber nicht wenige hoffen dabei auf einen der zahlreichen „Pedreas“, die mit rund tausend Euro dotiert sind. Bei der Endausspielung wird im Übrigen unterschieden zwischen dem „El Gordo“ als Hauptgewinn mit vier Millionen Euro, dem „Segundo“ mit 1,25 Millionen Euro, dem „Tercero“ mit 500.000 Euro, dem „Cueartos“ mit 200.000 Euro und mit dem „Quintos“ mit 60.000 Euro. Doch allein die „Pedreas“ haben ein Gesamtvolumen von knapp 300 Millionen Euro.

Das Finanzamt als ständiger Gewinner

Lotterie-Experten wollen ermittelt haben, dass bei der Spanischen Weihnachtslotterie die Gewinnchancen bei rund 15 Prozent liegen. Immerhin schüttet die Gesellschaft siebzig Prozent der gesamten Einnahmen aus. Bei den deutschen Lottogesellschaften sind lediglich fünfzig Prozent die Regel. Die besondere Atmosphäre der Zeit vor Weihnachten hat zur Beliebtheit der Lotterie ohne jeden Zweifel beigetragen, und so mancher Wetter bevorzugt beim Kauf besondere Tage. Das könnte der Krönungstag von König Felipe VI. sein oder auch der eigene Geburtstag. Und wenn eine Tipp-Gemeinschaft gewonnen hat, dann wird dies zum Anlass genommen, die Sektkorken knallen zu lassen und diesen außergewöhnlichen Tag mit einem rauschenden Fest zu feiern. Kaum jemand schert sich dann darum, dass es Jahr für Jahr einen ganz besonderen Gewinner dieser Weihnachtslotterie gibt: Das spanische Finanzamt. Das kassiert immerhin dreißig Prozent der gesamten Verkaufserlöse.